Playstation 2: Die Weltrekord-Konsole geht in den Ruhestand

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Die Playstation 4 erscheint noch 2013, ihre Oma, die PS2, geht jetzt erst in Rente. Im Januar hat Sony die Produktion weltweit eingestellt. Nach rund 13 Jahren endet die Ära der erfolgreichsten Spielkonsole der Geschichte. Rückblick auf eine Geschichte voller Superlative.


Von Benedikt Plass-Fleßenkämper 

Wenn sich eine Spielkonsole ein Dutzend Jahre lang behaupten kann, verdient das Respekt. Und vielleicht sogar eine Liebeserklärung. Die Playstation 2 ist nicht irgendeine Konsole, sondern die erfolgreichste stationäre Daddelkiste aller Zeiten. Seit dem PS2-Verkaufsstart im Jahr 2000 setzte Sony über 155 Millionen Geräte ab.

Zum Vergleich: Die aktuelle Konsolengeneration in Form von PS3 und Xbox 360 knackt bis heute nicht einmal dann die 150-Millionen-Marke, wenn man Sonys und Microsofts Konsolen zusammenzählt. Über 10.000 Titel wurden für die PS2 entwickelt, die sich insgesamt 1,52 Milliarden Mal verkauften. „GTA: San Andreas“ gilt mit 18,14 Millionen verkauften Einheiten als erfolgreichstes PS2-Spiel.

Teures Technikspielzeug

Zu Beginn war die PS2 ein elitäres Spielgerät für Nerds, mit 869 D-Mark zum Verkaufsstart unverschämt teuer. Sie hatte ein integriertes CD/DVD-Laufwerk, das sowohl Film- als auch Audio-Discs abspielte, 5.1-Raumklang öffnete den Einstieg ins Heimkino-Zeitalter. Dank Netzwerkadapter (anfangs optionales Zubehör, in späteren Modellen serienmäßig integriert) surfte und spielte man auf der PS2 schon im noch jungen Jahrtausend mit Breitband-Geschwindigkeit.

Am 4. März 2000 standen beim PS2-Verkaufsstart in Japan Tausende Gamer in langen Schlangen vor den Läden, die bestenfalls einige hundert Exemplare der Konsole auf Lager hatten. Zur offiziellen Öffnungszeit waren die Bestände an PS2-Konsolen bereits erschöpft.

The Third Place

Sony propagierte die Konsole in einer ungewöhnlichen Werbekampagne als „The Third Place“, als Ort neben Familie und Arbeit, der das Leben lebenswert macht. Für Aufsehen sorgten vor allem die von Kult-Regisseur David Lynch produzierten Werbeclips, deren Surrealismus an Lynchs Filme „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“ erinnerte: telefonierende Kerle in Hasenkostümen, mysteriöse Cowboytypen, geschrumpfte Rentner.

Nach dem in Europa eher schleppenden Start kam ab 2001 die große Wende: Spiele wie „Gran Turismo 3 A-Spec“, „Final Fantasy X“ und nicht zuletzt „GTA 3“ mit seinem bis dahin so noch nicht gesehenen Sandbox-Spielprinzip in offener 3-D-Welt begeisterten Hardcore-Zocker. Sony senkte den PS2-Preis auf 599 Mark, die Verkaufszahlen zogen kontinuierlich an. In den Folgejahren erschienen Meilensteine in so ziemlich jedem Genre: Ob die zwei Fortsetzungen des Spionage-Dramas „Metal Gear Solid„, erwachsenes Actionkino wie „Devil May Cry“, „God of War“ und „Resident Evil 4“ oder innovative Meisterwerke wie „Ico“ und „Shadow of the Colossus“ – kein Spiele-Enthusiast wollte auf die PS2 verzichten.

Goodbye PS2 / gta3

Sony erobert das Wohnzimmer

Sony setzte innovative Impulse und erschloss neue Käuferschichten. Das größte Verdienst der PS2 ist dieses: Sie holte die Spielkonsolen aus den Kinderzimmern und etablierte sie im Wohnzimmer. Die PS2 brachte Menschen, die mit Videospielen sonst gar nichts am Hut hatten, dazu sich auf einer Karaoke-Party mal so richtig gehenzulassen, um Schmachtfetzen wie Bonnie Tylers „Total Eclipse of the Heart“ ins „SingStar“-Mikro zu schmettern. Auch hiermit setzte Sony einen Standard, den alle Mitbewerber später übernahmen.

Um die PS2 wucherte eine neue Form der Zusatz-Peripherie für Spielkonsolen. Familienmitglieder drückten sich in geselligen Quiz-Runden bei „Buzz!“ auf eben jenen Buzzern die Handballen wund. Headbanger spielten in „Guitar Hero“ berühmte Rock-Hymnen nach, wobei der Controller eine echte Gitarre samt Schlagbrett und Tremolohebel simulierte.

Wegweisend war die 2003 erschienene „EyeToy“-Kamera. Sie erkannte die Gesten des Nutzers und übertrug diese dann ins Spiel, so dass man bei „EyeToy: Play“ ins Schwitzen kam oder sich in „Dance Dance Revolution Extreme“ selbst beim Tanzen begutachtete. „EyeToy“ legte den Grundstein für eine Entwicklung, die später in Nintendo Wii, dem Move-Controller der PS3 und Microsofts Kinect-Sensorleiste gipfelte.

Wenngleich Sony die Produktion der PS2 nach über dreizehn Jahren endgültig eingestellt hat, wird die erfolgreichste stationäre Konsole unvergessen bleiben. Womöglich wird sie sogar als die meistverkaufte Konsole überhaupt in die Geschichte eingehen – je nachdem, wie sich Playstation 4, Wii U und Xbox 720 in einer von Tablets, Smartphones und Browserspielen völlig veränderten Spielewelt schlagen.

Erschienen am 26. Februar 2013 bei Spiegel Online.